Hundegeschichten

Im Jahre 2000 habe ich angefangen, mich mit dem Wesen eines Hundes zu beschäftigen.

Aus diesem Grunde möchte ich Euch meinen Bericht über einen immer noch eher selten gesehenen Hund etwas näher bringen, der damals auch sehr gerne auf der ein oder anderen Seite von Züchtern des Weißen Schäferhundes veröffentlicht wurde.

Es ist:

Die Geschichte des Weißen Schäferhundes

Einleitung

1. Teil: Geschichte des Weißen Schäferhundes

2. Teil: Die „Wiedergeburt“ des Weißen Schäferhundes in Europa

3. Teil: Wesen und Veranlagung des Weißen Schäferhundes

4. und letzter Teil: Die Sache mit der Anerkennung

Vereine und Literaturhinweis

Nachwort

Einleitung:

Damit es nicht zu viel wird werde ich den Weißen Schäferhund in möglichst knappen Teilen  beschreiben, wobei die Geschichte dieses Hundes und sein Verschwinden aus Europa (bis auf eine Ausnahme) den größten Teil einnehmen wird.

In einem weiteren Teil werde ich kurz etwas zu seiner „Wiedergeburt“ in Europa sagen und danach werde ich versuchen, den Weißen Schäferhund kurz zu beschreiben, wobei das Hauptaugenmerk auf seinem Wesen und seiner Veranlagung liegen wird. Ach ja, dann ist da ja auch noch die Sache mit der Anerkennung des Weißen Schäferhundes.

1. Teil: Geschichte des Weißen Schäferhundes

Weiße Schäferhunde sind keine Modeerscheinung neuerer Zeit; es gab sie schon seit altersher! Max von Stephanitz, der „Vater des Deutschen Schäferhundes“, hat einmal sehr treffend geschrieben: „Ein guter Hund kann keine schlechte Farbe haben“. Das muss er im Jahre 1933 aber irgendwie vergessen haben. Aber dazu später an anderer Stelle mehr.

Aus zahlreichen Artikeln in den Medien ist der breiten Öffentlichkeit zwar bekannt, dass dieser Hund seinen Ursprung mit dem Deutschen Schäferhund teilt, aber nur wenige wissen, warum seine Nachfahren weiß sind.

Im ersten Jahrhundert vor Christus hat der römische Geschichtsschreiber Marcus Terentinus Varro von den Hirtenhunden berichtet, die zu seiner Zeit verwendet wurden. Interessant dabei ist, dass diese Hunde immer weiß waren.

Die Schäfer, schreibt Varro, bevorzugten weiße Hunde, weil diese leichter von Wölfen zu unterscheiden waren. Schon damals konnte man zwei deutlich verschiedene Typen von Hunden unterscheiden, die zur Arbeit an den Herden eingesetzt wurden:

Große Hunde zum Schutz der Herde. Sie wogen mehr als 50 kg und schützten die Herde vor Raubtieren.

Hunde von kleinerem Körperbau, die sogenannten Treib- oder Hütehunde mit einem Gewicht von nicht mehr als 25 kg. Diese beweglicheren Hunde dienten dazu, die Herden von einem Weidegrund zum nächsten zu treiben.

Die erstgenannten Herdenschutzhunde, hierzu gehören zum Beispiel in Frankreich der Pyrenäen Berghund, in Italien der Pastore Maremmano (auch Abruzzen-Schäferhund genannt), in Ungarn der Kuvasz oder in Polen der Owczarek Podhalski (auch Tatra-Schäferhund genannt). Diese Hunde sind alle weiß.

Zwischen 1871 und 1899 wurde in Deutschland noch ein weiterer, langhaariger Hund verbreitet als Schäferhund eingesetzt; der Schafpudel. Dieser ebenfalls weiße Hund hatte eine enorm starke Hinterhand und teilweise aufrecht stehende Ohren.

Infolge strenger Selektion hatten sich im Laufe der Zeit wesensmäßig einheitlich veranlagte, Herdengebrauchshunde herauskristallisiert, die durch ihre ruhige und auch zuverlässige Arbeit den Beschauer stets fasziniert haben.

So hatte anlässlich eines Manövers, einen Befehl abwartend, auch Rittmeister Max von Stephanitz Gelegenheit, von einem Hügel aus einen hütenden Schäfer mit seinem Hund zu beobachten.

Fortan ließ es den Rittmeister nicht mehr los, ein solches Tier zu besitzen, und wie man weiß, wurde dieser Wunsch Realität.

Der „Vater des Deutschen Schäferhundes“ war derjenige (auch wenn er nicht der Erste war), der der Entwicklung zur Zucht der verschiedenen Schäferhundtypen den entscheidenden Anstoß gab.

Auch ist es kein Zufall, dass sich alle bekannten Schäferhundzüchter jedes Jahr in Karlsruhe zu einer der größten Hundeausstellungen treffen.

Denn dort ist es gewesen, wo Max von Stephanitz am 22. April 1899 den „Verein für Schäferhunde“ (SV) gründete. Als Modell zur Schaffung der neuen Rasse diente ihm der in seinen Augen nahezu ideale Rüde Hektor Linksrhein, den er dreijährig von dem Frankfurter Züchter Sparwasser erwarb und in Horand von Grafrath umtaufte. Mit der ersten Eintragung führte er später das Zuchtbuch der Deutschen Schäferhunde an, und darf somit als Stammvater seiner Rasse bezeichnet werden. Ganz gleich, welcher Linie ein Deutscher Schäferhund heute entstammt. Der von Max von Stephanitz und seinem Freund Meyer  gegründete Verein registrierte in den Folgejahren mehrere tausend Hunde, die fast alle auf die ein oder andere Weise mit Horand verwandt waren.

Wenn man die Vorfahren des Horand von Grafrath näher untersucht, wird man feststellen, dass Weiß beim Schäferhund eine ganz natürliche Farbe war.

Diesbezüglich gibt der englische Richter und Autor Horowitz wertvolle Hinweise in seinem 1923 verfassten Buch The Alsation (Der Deutsche Schäferhund). Darin berichtet er, dass im Jahre 1882 zwei weiße Hunde an der Schäferhundausstellung zu Hannover teilnahmen, wovon der eine, Greif, 1887 erneut in Hannover ausgestellt wurde. 1888 wurde auf der Ausstellung in Hamburg ein weiterer weißer Hund, Greifa, vorgestellt. Auf der Ausstellung 1889 in Kassel, Greif II, ebenfalls ein weißer Hund. Diese Hunde standen im Besitz des Barons von Knigge. Im Buch „Der Deutsche Schäferhund“ – Seine Geschichte, Entwicklung und Genetik – von M. B. Willis, findet man die gleiche Information über Greif und Greifa.

Horand von Grafrath, der als Stammvater fast aller modernen Deutschen Schäferhunde gilt, ist ein Nachfahre von Greif. Um genau zu sein, sein Enkel. Die weiße Fellfarbe ist ganz offensichtlich genetisch in der Rasse fixiert. Auch waren einige Nachfahren von Horand weiß, beziehungsweise trugen sie zumindest Gene für weiße Fellfärbung in sich.

Mithin ist der Weiße Schäferhund keine genetische Mutation oder irgendeine Anomalie, denn schon die Vorfahren des Deutschen Schäferhundes waren teilweise weiß. Auch ist es keine Form des Albinismus, denn Augen und Nasenspiegel des Weißen Schäferhundes weisen eine ganz normale Pigmentierung auf.

Nicht nur geschichtlich und politisch sollte das Jahr 1933 ein bedeutendes Jahr werden. Es sollte auch das „AUS“ für den Weißen Schäferhund werden, wenn sich nicht Züchter in den USA und Kanada der Zucht der Weißen Schäferhunde angenommen hätten und damit den Fortbestand gesichert hätten. Bis heute lässt sich nicht nachvollziehen, was Max von Stephanitz, dem Gründer der Rasse, dazu bewogen haben mag, der Entscheidung des Vereins für Deutsche Schäferhunde zuzustimmen, den Farbschlag Weiß aus dem Standard des Deutschen Schäferhundes zu streichen und seit dem Weiße Schäferhunde nicht mehr zur Zucht zuzulassen.

Aufgrund dieser Änderung verschwanden die Weißen Schäferhunde fast vollständig aus Deutschland und Europa. Mit Ausnahme von England fand man in den 60er Jahren nicht einen Weißen Schäferhund mehr in Europa. Obwohl seit Urzeiten weiße Hunde zum Hüten und Bewachen von Herden eingesetzt wurden und es etliche Rassen gibt, in denen die Farbvariante Weiß weiterhin existiert und die keine genetischen Probleme haben.

2. Teil: Die „Wiedergeburt“ des Weißen Schäferhundes in Europa

Nachdem im Jahre 1933 das europaweite „AUS“ für den Weißen Schäferhund eingeläutet wurde, war es hierzulande lange still um den blütenweißen Hund mit den dunklen, pigmentierten Augen, Nasen und Lefzen, die seinem Gesicht ein so besonders ausdrucksvolles Aussehen verleihen.

Hätten sich nicht Züchter in den USA und in Kanada seiner angenommen und ihn als White German Shepherd Dog (Weißer Deutscher Schäferhund) weiter gezüchtet, wer weiß, wie es sonst um den Fortbestand der Rasse bestellt gewesen wäre.

Immerhin mussten fast 40 Jahre vergehen, bis der Weiße Schäferhund den Weg zurück nach Europa fand ( 1970), wo man in der Schweiz 1972 mit der Reinzucht der Rasse begann.

1978 fanden schließlich die ersten Weißen Schäferhunde zurück in ihre Urheimat Deutschland, wo die organisierte Reinzucht 1982 ihren Anfang nahm.

Obwohl er ursprünglich aus Deutschland stammte, war der Weiße Schäferhund bis in die 1980er Jahre doch beinahe ganz aus seinem Heimatland verschwunden. Die Politik des S.V., weiße Schäferhunde nach Möglichkeit vollständig auszusondern, hatte Erfolg gezeigt.

Dann aber fanden sich einige Züchter, mit dem Wunsch, die verloren gegangenen weißen Schäferhunde wieder ausfindig zu machen.

Einer der Pioniere der Rasse war Herr Martin Faustmann, der 1982 die erste deutsche Interessengemeinschaft für die Rasse, den WSV (Weißer Schäferhunde-Verein Kaarst 1982) e. V. gründete. Herr Faustmann erwarb seinen ersten Weißen Schäferhund in der Schweiz aus dem Zwinger der Familie Kron. Dieser Rüde wurde später unter dem Namen „Champion von Kron“ bekannt. Ebenfalls von Familie Kron kaufte er kurze Zeit später die Hündin „Rani von Finn“, die ursprünglich aus Connecticut/USA stammte.

Herr Faustmann nannte seinen Zwinger „von Ronanke“, sein erster Wurf aus den erwähnten Elterntieren fiel im Jahr 1981.

Im Jahr 1983 importierte er für die befreundete Züchterfamilie Walter Gembus drei Junghunde aus den USA: „Sherman`s Anka“, „Sherman`s Astor“ und „Sherman`s Angie“ (echt süüüüße Namen finde ich), sowie eine Hündin aus kanadischer Zucht, „Hoof Print Bloody“. Für sich selbst erwarb Herr Faustmann in den USA „Sherman`s Wes Greif (der Name Greif kommt mir doch irgendwie bekannt vor hier,….lachgrins) und „Sherman`s Gail Diana“.

Die Tochter der Familie Gembus, Erika Meinert, unternahm im Sommer 1983 eine Reise zum Zwinger „Hoof Print“ nach Kanada und erwarb einige Junghunde, darunter Stammeltern für ihre Zucht in Deutschland. An dieser Stelle ist außerdem Herr Italo Drube zu nennen, der einen Rüden aus dem „Von-Finn-Kennel“, USA, importierte, den später in Europa recht bekannten „Falco von Finn“.

Wenn man die Ahnentafel der aus den USA oder Kanada importierten weißen Schäferhunde verfolgt, stellt man fest, dass alle diese Hunde ursprünglich aus den allerbesten Linien dunkelfarbiger Deutscher Schäferhunde stammten, wie zum Beispiel der Linie „Vom Osnabrücker Land“.

Die Familie Gembus und Meinert riefen 1984 die Weiße Schäferhunde Union ins Leben und ermöglichten die Wiedereinführung der Rasse nach Deutschland sowie deren planmäßige Zucht. Erika Meinert hat mit ihrem Zuchtzwinger „Vom Wolfsgehege“ viel zur Popularität dieses Hundes in Europa beigetragen. Sie war es auch, die die ersten Tiere als Grundlage einer neuen Zucht nach Frankreich verkaufte.

Leider gibt es heute in Deutschland noch keine einheitliche Linie zur Zucht und Zuchtorganisation, es bestehen mehrere Verbände und Vereine nebeneinander. Die meisten von ihnen legen jedoch ihre Arbeit ebenfalls den in der Schweiz maßgeblichen Rassestandard zugrunde und unterziehen ihre Hunde sowohl einer Wesensprüfung als auch einer Röntgenuntersuchung auf HD (obwohl die Weißen Schäferhunde aufgrund Selektion dazu weniger anfällig sind).

Es ist zu hoffen, dass die Bemühungen um eine Vereinheitlichung auf nationaler Ebene (z. B. Führung eines gemeinsamen Zuchtbuches) schon bald Erfolg zeigen, sodass auch in Deutschland eine Anerkennung durch den VDH (Verband für das Deutsche Hundewesen) als F.C.I.-Körperschaft nichts mehr im Wege stünde.

Die Zuchtbuchleiterin des 1. WACSR e. V. Einheit, Frau Birgit Stoll, geht nach ihr vorliegenden Zahlen und Hochrechnungen davon aus, dass in Deutschland jährlich etwa 1.000 Weiße Schäferhundwelpen geboren werden und dass die Gesamtzahl, der 1981 im Lande gezüchteten Hunde etwa 20.000 beträgt –  eine Zahl,  die wesentlich zu hoch ist, als dass man sie von offizieller Seite weiter ignorieren könnte und sollte!

Trotz des Mangels an offiziellem Zahlenmaterial sieht es inzwischen so aus, dass ausgerechnet Deutschland, das immer noch eine offizielle Anerkennung der Rasse verweigert, die größte Population von Weißen Schäferhunden in Europa lebt!

Die groß gewordene Gemeinde von Züchtern und Liebhabern des Weißen Schäferhundes in Deutschland (ich bin nur einer davon) würde es sehr begrüßen, wenn der VDH sich dazu entschließen könnte, dem Beispiel der Schweiz, Österreichs, der Niederlande und Dänemark zu folgen und ihre Hunde endlich in seine Reihe aufnähme.

Da der Weiße Schäferhund in Deutschland nicht zu offiziellen Rasseausstellungen zugelassen ist, organisieren die verschiedenen Interessenverbände ihre eigenen Ausstellungen, um Vergleichmöglichkeiten für ihre Tiere zu haben. Auch Ausstellungen freier Rassehundevereine und ausländische Ausstellungen für Weiße Schäferhunde in den Nachbarländern werden besucht.

3. Teil: Wesen und Veranlagung des Weißen Schäferhundes

Nicht nur sein blendendes Äußeres wirkt so, als könnte der Weiße glatt einem Fantasy-Roman entsprungen sein, in dem sie zwischen Lichtgestalten wie Einhörnern und Elfen durchaus gut platziert wären. Denn die äußerst empfindsame und intelligente Rasse besticht durch eine regelrechte Schönheit ihrer Seele.

Eine ganz besondere ansprechende Eigenschaft des Weißen Schäferhundes ist sein Charakter. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass ein Weißer Schäferhund nur dann seine ganze Persönlichkeit und sein gesamtes Potenzial entfalten kann, wenn ihm eine angemessene Erziehung und korrekte Sozialisation zuteil werden. Als ausgesprochen gutmütiger und trotzdem für seinen Herrn sehr zuverlässiger Haushund ist er ein idealer Familienhund, der auch die oft robuste Umgangsweise von Kindern lange toleriert. Dabei sollte sich von selbst verstehen, dass seine hohe Reizschwelle und außerordentliche Nervenstärke niemals ausgenutzt werden darf. Da der Weiße Schäferhund ein sehr ausgeglichener Hund ist, liebt er es, bei seinen Menschen zu sein. Er blüht nur dann auf, wenn er in der Nähe sein kann und erträgt Einsamkeit nur schlecht. Wenn er den ganzen Tag alleine bleiben soll, wird er sich sehr verlassen und unglücklich fühlen.

Bei richtiger Erziehung wird der Weiße Schäferhund ein aufrichtiges, wachsames und liebevolles Familienmitglied sein, der zwar gerne im Mittelpunkt steht, seinem Herrn aber meist regelrecht zu Füßen liegt und ihm seine Zuneigung auch so oft wie möglich zeigt. Fremden Personen gegenüber verhält er sich zunächst scheu, schnelle Freundschaften schließt er in der Regel nicht. Doch wer sein Herz erobert hat, der hat einen Freund fürs Leben gewonnen.

Weiße Schäferhunde sind sehr ruhige, ja beinahe schweigsame Hunde, die Bellen nur als letztes Mittel einsetzen, um sich Gehör zu verschaffen. Die Verständigung läuft bei ihnen über eindrucksvolle Mimik und beredte Gesten viel subtiler ab.

Das Wesen des Weißen Schäferhundes wird oft als sanft und anpassungsfähig beschrieben. Das macht ihn leicht erziehbar, verbietet aber jegliche Brutalität in der Ausbildung. Dieser durchaus sehr sensible Hund muss mit viel Feingefühl und Liebe erzogen werden, was natürlich weder Konsequenz noch Bestimmtheit ausschließen darf. Der Ausbilder muss immer schrittweise vorgehen und dem Hund Zeit lassen.

Der Weiße Schäferhund ist sehr lernwillig und kann in den verschiedensten Disziplinen brillieren. Seine Intelligenz ist oftmals überraschend. Er ist wirklich fähig, alles zu verstehen. Die oft gebrauchte Beschreibung „es fehlt nur noch, dass er spricht“, sagt eigentlich alles über ihn. Ein Nebeneffekt dieser hohen Intelligenz ist aber auch, dass er Schwächen seines Besitzers nur zu gut durchschaut. Er weiß ganz genau, wie weit er gehen kann, bis er eine Bestrafung zu erwarten hat. Und sollte es wirklich einmal so weit kommen, fällt er umgehend in sein Welpenverhalten zurück und wimmert ganz herzzerreißend.

Von seiner Veranlagung her ist der Weiße Schäferhund gesellig und zeigt keine unnützen Aggressionen. Er kann nicht nur mit seinesgleichen, sondern auch mit Katzen, Kaninchen, Frettchen oder anderen Haustieren friedlich und in Harmonie zusammenleben.

Seine physischen und psychischen Veranlagungen machen aus dem Weißen Schäferhund einen bemerkenswerten Gebrauchshund. Wie andere Schäferhundrassen ist er vielseitig begabt und kann sowohl ein Begleithund als auch ein sehr respektabler Wachhund, ein unersetzlicher Führer für einen blinden Menschen oder ein wertvoller Helfer bei der Suche nach Verschütteten in Lawinen oder Gebäudetrümmern sein. Es ist zu berücksichtigen, dass die anfängliche Zuchtauswahl in Europa sich hauptsächlich an körperliche Merkmale orientierte und es einige Jahre dauerte, bis man Hunde erhielt, die sich besonders zur Ausbildung für eine ganz spezielle Aufgabe eignen.

Sorgfältige Selektion auf Wesensmerkmale stellt m. E. eine absolute Notwendigkeit zum Qualitätserhalt einer Rasse dar. Ganz gleich, wie sein Verwendungszweck auch aussehen mag, das Wesen eines Hundes muss stabil sein, damit er der Arbeit oder auch dem alltäglichen Stress gewachsen ist. Es ist also außerordentlich wichtig, gute „Gebrauchshunde-Linien“ zu schaffen. Die Erfahrung hat die Notwendigkeit einer darauf gerichteten Zuchtauswahl immer wieder bestätigt, und zwar für alle Gebrauchshunderassen, wie zum Beispiel Deutsche oder Belgische Schäferhunde. Bei einem solchen Zuchtverständnis wird dem Wesen mehr Bedeutung beigemessen als einem ästhetischen äußeren Erscheinungsbild. Gleichzeitig wird natürlich darauf geachtet, dass der Hund weiterhin dem Rassestandard entspricht. Auf diese Art und Weise sollen nicht etwa besonders aggressive Hunde herausgezüchtet werden, sondern solche, die im Falle einer Bedrohung oder eines Angriffs richtig reagieren. Ein gewisser Grad an Schutztrieb mag zwar mitunter erschreckend wirken, ist aber, wenn er in die richtigen Bahnen gelenkt wird und einem stabilen Wesen entstammt, in Wirklichkeit für den Hund lebensnotwendig, damit er sein Territorium und sein Rudel verteidigen kann. Auf diese Eigenschaft sollte bei der Zuchtauswahl in den Gebrauchshundelinien der Schäferhundrassen künftig noch mehr Wert gelegt werden, als das heute der Fall ist, besonders für den Erhalt guter Schutzhunde ist dies wichtig. Eine negative Wesenseigenschaft, nämlich die Angst, sollte in der Zucht von Gebrauchshunden, und anderen Hunden, so stark wie möglich unterdrückt werden, selbst wenn es sich hierbei nur um die Äußerung eines natürlichen Verhaltens handelt. Angst macht den Hund unberechenbar, weniger leistungsfähig und deshalb schwieriger zu handhaben.

Die Zuchtauswahl darf sich aber keineswegs nur auf die Schaffung guter Schutzhunde beschränken, sondern muss auch gute Suchhunde, Rettungshunde, Blinden- oder Behindertenbegleithunde zum Ziel haben.

Anmerken darf ich an dieser Stelle einmal, dass ich bezüglich der Schutzhunde eine sehr eigene, möglicherweise auch eigenwillige Meinung vertrete. Danach gehört meines Erachtens ein ausgebildeter „ziviler“ Schutzhund nur in wirklich erfahrene Hände und nicht in die Hände von „Jedermann“.

Es ist zu unterscheiden, ob es sich um die rein sportliche Ausbildung handelt, wobei der Hund lediglich auf „sein Spielzeug/Beute“ konditioniert wird. Bei der rein sportlichen Konditionierung eines Hundes geht es darum, dass ein Hund reviert und den Probanten in seinem Versteck verbellen soll/darf, um seine Beute zu bekommen. Beißen darf er dabei lediglich in sein „Spielzeug“.

Bei der „zivilen“ Schutzhundeausbildung geht es um z. B. Polizeihunde. Die dürfen und sollen überall hin beißen dürfen; und tuen das auch.

Wenn ein Junghund erworben wird, um aus ihm einen Blinden- oder Rettungshund zu machen, versucht man, durch Ausbildung Aggressivität zu unterdrücken, dabei aber alle anderen Eigenschaften eines guten Gebrauchshundes beizuhalten: Lernfähigkeit, Nervenstärke, Ausdauer, Mut, Kraft und ausgeprägten Geruchssinn.

Wie wir schon gesehen haben, besitzt der Weiße Schäferhund ein ernstzunehmendes Potenzial, um mit seinem Besitzer zusammen zu arbeiten. Voraussetzung ist natürlich immer die umsichtige, zielgerichtete und gewaltlose Erziehung eines sorgfältig ausgesuchten Welpen. An dieser Stelle erlaube ich mir einmal zu sagen: Leider oder zum Glück, habe ich mir meinen Weißen Schäferhund namens Moritz damals vor zwei Jahren nicht aussuchen können. Es war im Jahre 2000.

Wir, meine damalige Freundin und ich, hatten damals schon einen Hund und besuchten eine Hundeschule. Der Ausbilder „züchtete“ Weiße Schäferhunde. Er hatte plötzlich mehrere Welpen und wurde sie irgendwie nicht los. Sein Problem war, er hielt die Hunde allesamt in einem Zwinger. Die Welpen jaulten und bellten den ganzen Tag. Darüber beschwerten sich die Nachbarn. Die Welpen haben sich unter dem Zwinger hindurchgegraben, wobei sie sich auch teilweise verletzten, und liefen mehrmals fort. Sie wurden geschlagen. Zwei Teilnehmer der Hundeschule nahmen ihm zwei Welpen ab. Darunter wir, obwohl ich ja eigentlich überhaupt keinen zweiten Hund haben wollte. Moritz kam mit drei Monaten zu uns und er war sichtlich erleichtert und lebte sich sehr schnell ein. Er stellte anfangs sehr viel an und konnte es irgendwie gar nicht verstehen, dass er dafür nicht geschlagen wurde. Es war schon eine Überwindung, wenn er den Wohnzimmerschrank annagte oder das Polster der Couch auseinander genommen hatte, ihn nicht zu schlagen und ihn einfach links liegen zu lassen. Das war Bestrafung genug für ihn. Er hat sehr schnell begriffen, dass das nichts bringt und brachte uns sehr schnell Vertrauen entgegen. Mich hat das natürlich alles maßlos geärgert und ich fing an, mich mit dem Wesen eines Hundes zu beschäftigen.

Ich habe sehr viel gelesen und gefragt. Ich habe meinen Hund beobachtet und gelernt, mich in den Hund hineinzuversetzen. Erst als mir das gelang, habe ich erkennen können, was der Hund „denkt“ und was er will und vor allem, welche Fähigkeiten ein Hund besitzen kann, und was man daraus möglicherweise machen kann.

Ich hörte mehr durch Zufall, dass es Rettungshundestaffeln gibt, die verschüttete und vermisste Menschen sucht. Als ich mich damit mehr und mehr befasste und je mehr Informationen ich darüber erhielt, dachte ich, das entspricht genau dem Wesen und der Veranlagung deines Hundes. Dazu kam, dass sich eine Rettungshundestaffel einmal bei uns als Polizei beim Kriminaldauerdienst vorstellte und ich im Nachgang einen Einblick in deren Arbeit erhielt. Von nun an war ich dieser Arbeit erlegen, obwohl sie sehr viel Zeit, persönliches Engagement und mit eigenem finanziellem Aufwand verbunden ist, da die Rettungshundestaffeln nicht (mehr) öffentlich gefördert werden.

Über glückliche Umstände gelangte ich schließlich zu einer BRH Rettungshundestaffel und wurde dort nach kurzer Zeit mit meinem Moritz sehr herzlich aufgenommen. Bereits nach kurzer Zeit konnte ich selbst erkennen, dass das genau das Richtige für Moritz war. Schon nach vier Wochen, bei zweimaligen Übungen pro Woche, konnte Moritz einfache Verstecke finden und sogar verbellen. Ihm (mir natürlich auch) macht es sichtlich Spaß und ist seinem Wesen und seiner Veranlagung entsprechend.

In Frankreich z. B. haben heute schon einige Katastrophenschutzverbände den Weißen Schäferhund in ihren Dienst gestellt. In der Schweiz gelang es dem Weißen Schäferhund „Yukon“, einen verschütteten Davoser Snowboarder nach 20 Minuten lebend aus einer Lawine zu bergen.

4. und letzter Teil: Die Sache mit der Anerkennung des Weißen Schäferhundes

Seit Anfang der 80er Jahre gibt es den Weißen Schäferhund, eine der ältesten Hunderassen der Welt, wieder in Deutschland. Trotz seiner außerordentlichen Beliebtheit und berückenden Ästhetik hat es der windschnittige Wirbelwind hierzulande aber alles andere als leicht, ernst genommen zu werden. In Österreich, Holland, Dänemark Tschechien, England und der Schweiz wurden zwar schon Teilerfolge errungen, als der Weiße Schäferhund zumindest auf nationaler Ebene in die jeweilige FCI (Fédération Cynologique International)-Verbandskörperschaften aufgenommen wurde.

Eine internationale Anerkennung jedoch fehlt bislang noch. Deshalb laufen seit 1981 engagierte Bemühungen der Züchter, die Rasse der Weißen Schäferhunde zu einer gebührenden Anerkennung durch den internationalen Dachverband FCI, dem größten Hundezucht-Dachverband der Welt, zu führen. Sogar ein eigenes „Komitee zur Anerkennung der Weißen Schäferhunde“, an dem unter anderem Vereine wie die WSÖ

(Weiße Schäferhundfreunde Österreich), GWS (Gesellschaft Weiße Schäferhunde Schweiz) und 1. WACSR e.V. Einheit (als deutscher Verein) beteiligt sind, wurde dafür gebildet.

Der früheren Leiterin des Komitees, Birgit Stoll, ist es zu verdanken, dass die für eine FCI-Anerkennung notwendigen acht unabhängigen Blutlinien ermittelt wurden und die Schweizerische Kynologische Gesellschaft im Oktober 2001 den Antrag stellen konnte. Und was lange währt, scheint langsam auch endlich gut zu werden. Zwar steht die Entscheidung der FCI noch aus, aber die Anzeichen für einen positiven Entscheid des Antrages verdichten sich.

Falls der Weiße Schäferhund in die Riege der von der FCI international anerkannten Rassen aufgenommen wird, wird die Schweiz offiziell standardführendes Land für diese Rasse sein.

Die Anerkennung  würde in Deutschland auch der aus der „Verbannungs-Not“ heraus geborenen Namensgebung „Amerikanisch-Canadischer Weißer Schäferhund“ – eigentlich schon immer ein Absurdum, da die Wiege des heutigen A.C. Weißen Schäferhundes ja in Deutschland stand – ein Ende setzen. Die Rasse wird dann auch in Deutschland kurz und bündig „Weißer Schäferhund“ heißen. Auch der Weg zu einer VDH-Mitgliedschaft wäre dann zumindest denkbar.

Es bleibt nur zu hoffen, dass zahlreiche Gönner und Freunde des Weißen Schäferhundes dieses Vorhaben tatkräftig unterstützen werden und dass das in der BVWS-Satzung festgeschriebenen Ziel der internationalen Rasseanerkennung in absehbarer Zukunft realisiert werden kann.

© 2002 by Werner Weyers

Der Weiße Schäferhund wurde am 01.01.2003 vom FCI unter der Nr. 347 als Berger Blanc Suisse (Weißer Schweizer Schäferhund) vorläufig aufgenommen.

(Die endgültige Anerkennung erfolgte am 4. Juli 2011)

Mit Datum vom 4. Juli 2011 hat die FCI den Rassestandard Nr. 347 für den „Berger Blanc Suisse“ definitiv genehmigt. Die GWS Schweiz betreut den BBS als alleinzuständiger Rasseclub der SKG.

PS.: Mein Moritz musste im Jahre 2010 wegen eines inoperablen Bauchtumor eingeschläfert werden. Ich habe ihn über die Regenbrücke begleitet und werde ihn nie vergessen!

Mein Moritz in der Ablage und wartend.
Jetzt geht es los zum Suchen! Er konnte sogar Leitern hochgehen und sich auf Gerüsten bewegen.

Vereine:

Bundesverein für Weiße Schäferhunde (BVWS)

Peter von Döllen

Schulstr. 127, 27726 Worpswede

www.bvws.de

1.WS-Einheit

Brigitte Toll

Martinstr. 42, 40223 Düsseldorf

www.1WS-Einheit.de

Gesellschaft Weiße Schäferhunde Schweiz (GWS)

Gabi Frei-Dora

Berghaldenstr. 39, CH-8330 Pfäffikon ZH

www.weisse-schaeferhunde.ch

Weiße Schäferhundfreunde Österreichs (WSÖ)

Pia Modl

Kornmühle, A-4904 Atzbach

www.weisse-schaefer.at

Literaturnachweis:

Horowitz “The Alsation”

Michoux/Jumentier/Gérard „Weißer Schäferhund heute“

Partner Hund, Ausgabe Nr. 4, April 2002

Nachwort:

Ich hoffe, dass ich hier für alle Anhänger und Interessierte des Weißen Schäferhundes einen kleinen, zusammenfassenden Beitrag leisten konnte, um diese Rasse allen ein wenig näher bringen zu können, und möglicherweise auch beim „Nurleser“ ein wenig Interesse für diese Rasse wecken konnte. Dabei konnte ich mich naturgemäß hier nur auf das Wesentliche beschränken, was natürlich nur ein kleiner Ausschnitt sein kann. In der Hoffnung, dass es beim Lesen nie langweilig wurde, habe ich mein Ziel hoffentlich erreicht.